Eis, soweit das Auge reicht. Wir stehen an der Eisbergbank an der Mündung des Ilulissat-Eisfjords – in der Sprache der Inuit Kangiata Sullua genannt. Das Eis, das wir hier sehen, entsteht am Ilulissat Gletscher oder auf grönländisch Sermeq Kujalleq, einem Gletscher etwa 65 km östlich von hier. Das Eis wurde ursprünglich im Inneren des Inlandeises gebildet, indem Schneemengen einen so hohen Druck erzeugten, dass die Eiskristalle vollständig zusammengedrückt wurden. Das Inlandeis selbst besteht ausschließlich aus Schnee und Eis und erreicht an einigen Stellen eine Dicke von mehr als drei Kilometern. Die Dynamik des Eises und des Gesteins, auf dem das Eis liegt, erzeugt eine Reihe von sogenannten Eisströmen. Diese sind wie Flüsse, die das Eis bis an den Rand fließen lassen. Die größten Eisströme des Inlandeises münden genau hier in den Eisfjord und es wird geschätzt, dass jedes Jahr zwischen 40 und 50 Kubikkilometer Eis produziert werden – eine Menge die dem monatlichen Wasserverbrauch der USA entspricht.
Besonders in den Jahren 2002 und 2003 kam es zu massiven Abbrüchen an der Gletscherfront, die dazu führten, dass sich die diese um 12 km zurückzog.
Es ist nicht das erste Mal in der Geschichte, dass sich der Gletscher so verhält – tatsächlich befanden sich vor 4.500 Jahren, als die ersten Menschen der Saqqaq-Kultur hierher kamen, sowohl der Gletscher wie auch das Inlandeis viel weiter im Landesinneren,.
Der Eisfjord ist tief – zwischen einem halben und einem Kilometer. Der Fjord gleicht in seiner Struktur einer großen Schlucht und setzt mindestens 50km weiter unter der Eisdecke des Inlandseises fort. Hier an der Mündung des Eisfjords endet diese Schluchtformation und in der Gegend unmittelbar vor Ilulissat erreicht sie nur noch eine Meerestiefe von 200 bis 400 Meter. Hier hatte der Gletscher in der Vorzeit eine Moränenbank aus Felsfragmenten, Kies und Steinen geschaffen und die tiefste Stelle beträgt nun lediglich etwa 250 Meter. Dies erschwert es großen Eisbergen ins offene Meer zu gelangen.
Die größten Eisberge stranden hier an der Mündung des Eisfjords und blockieren den Durchgang für das nachdrängende Eis. Gelegentlich kommt es vor, dass größere Eisberge zerbrechen – sie kalben – ein Begriff, der für Eis verwendet wird, das sich entweder von einem Gletscher oder einem Eisberg löst. Auf diese Weise werden die Eisberge kleiner und können schließlich die Moräne und die aufgrund des flachen Meergrundes entstandene Barriere passieren.
Die Farben des Eises sind unvergleichlich. Weiß, blau, grün und schwarz sind die häufigsten Farben.
Das weiße Eis ist das reine Produkt des Schnees, welches in kilometerdicken Schichten zusammengepresst wurde. Diese Art von Eis enthält Bläschen in Form von eingeschlossener Luft. Es ist die Freisetzung dieser Luft, die man hört, wenn man ein Stück Eis in ein Getränk gibt. Die freigesetzte Luft kann alt sein. Wenn man sich ein Profil des Inlandeises anschaut, sieht man an der Oberfläche Neuschnee aber in 3.200 Metern Tiefe reist man etwa 250.000 Jahre zurück. Der größte Teil des Eises, das wir hier im Fjord sehen, ist in den letzten 12.000 Jahren entstanden.
Das blaue Eis ist das Ergebnis der Verdichtung, die tief im Inlandeis stattfindet. Wie ich gerade sagte, enthält das weiße Eis Luftblasen. Steigender Druck presst die Luft heraus und das Ergebnis ist sehr hartes und altes Eis von wunderschöner blauer Farbe.
Darüber hinaus gibt es auch gefrorenes Schmelzwasser aus den vielen Schmelzwasserflüssen des Inlandeises. Wenn das Wasser zu Eis gefriert, geschieht dies ohne Einlagerung von Luftblasen und das Eis liegt sehr schwer und tief im Wasser und wird schwarzes Eis genannt, weil es nur schwer an der Meeresoberfläche zu erkennen ist. In den Eisbergen sieht man auch sogenannte Bänder aus gefrorenem Schmelzwasser.
Abschließend will ich zum Thema Eis etwas zu Staub, Kies und Gestein sagen. Manchmal sieht es so aus, als wäre das Eis dreckig. Im Sommer bläst feiner Staub und Ruß über das Inlandeis und vor allem am Rand sieht man, dass das Eis von diesem Staub gefärbt ist. Das Eis sammelt Kies und Steine auf oder vereinnahmt diese, wenn es mit dem Grundgestein in Kontakt kommt – manchmal sieht man sogar sehr große Steine, die auf einem Eisberg befördert werden.
Nun möchte ich Sie einladen, die Aussicht und die natürliche Schönheit hier rund um den Eisfjord zu genießen. Wenn Sie bereit sind weiterzugehen, haben Sie drei Möglichkeiten. Sie können die Treppe herunter- und auf dem Steg zurückgehen, auf dem wir gekommen sind. Oder sie folgen den blauen Markierungen über den Hügel und halten Sie sich danach links, so kommen Sie weiter oben auf den Steg. Oder Sie folgen der blauen Markierung den Hügel hinauf, halten sich dann rechts und folgen dem Weg Richtung Osten. Auf dem Weg zur Station Nummer 10 passieren Sie eine Berglandschaft mit alten Inuit-Gräbern. Station Nr. 10 ist keine physische Haltestelle, aber Sie können sie jederzeit anhören und mehr über die Gräber erfahren.